Wir fragen: Ralf Schutt (AfD)19 Minuten Lesezeit

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Wir haben eines der Gründungsmitglieder der Patriotischen Plattform gefragt. Was denkt Ralf Schutt über Ayn Rand und Energiepolitik?

Zunächst: Ein paar Worte zu Ihrer Person?

Ich bin Jahrgang 1955 und komme aus einer Familie, die in erster Linie pflichtbewußt und bescheiden lebt. Mein Großvater war gelernter Bäcker, später arbeitete er als Bahnbeamter auf einem Stellwerk; als Rentner trug er noch Briefe aus. Das war zu einer Zeit, als die Leute ihre Taschenuhren nach den vorbeifahrenden Zügen stellten. Meine Eltern sind beide von Beruf Drogist, sie kommen aus einer Kleinstadt am Rande des Spreewalds und haben fünf Kinder. Mein Vater war ein halbes Jahrhundert Fotoreporter einer Regionalzeitung. Ihn zeichnet aus, dass er mit Wärme und Respekt die Kamera führt, die Abgebildeten waren natürlich und selbstbewußt – und das ist auf seinen Fotos ablesbar: Schlichtheit, Stolz, Freundlichkeit. Damals fiel niemand in Posen oder Grimassen, sobald eine Kamera auftauchte, niemand streckte Victory-Finger ins Objektiv oder bleckte die Zunge. Die Menschen verrichteten ihr Werk und mein Vater berichtete davon. Ich lernte Anfang der 1970er Jahre den Beruf des Schriftsetzers in einer Zeitungsdruckerei, mit Winkelhaken und Bleibuchstaben, wie das jahrhundertelang üblich war. Mein Wunsch war es, in der Redaktion zu arbeiten und Zeitungsseiten zu gestalten, und diesen Traumberuf habe ich ergriffen und bin bis heute damit zufrieden. Natürlich haben die Redaktionen viele technologische Schritte mitgemacht, auch die Zusammensetzung der Redaktionen änderte sich ständig und während der „Wende“ 1989 auch mal drastisch. Mein Leben war und ist Dienst, so wie es das Leben meines Vaters und meines Großvaters war. Dienst so verstanden als ständige Motivierung, für andere eine unprätentiöse Arbeit zu leisten, unermüdlich und unhinterfragt. Und drei Jahre Wehrdienst – kein Problem. Die Vorstellung, sich in erster Linie selbst verwirklichen zu wollen, ist mir fremd. Als Gestalter meiner Zeitung bin ich ausschließlich Handwerker, kein Künstler, auch wenn ich von Kollegen manchmal für eine gelungene gestalterische Lösung als Künstler gelobt werde. Auf der einen Seite Pflicht und Dienst und Mühsal und Termine, aber immer auch vollkommene geistige Freiheit, die manchen Widersinn ertragen lässt. Auch im Privaten bin ich glücklich, habe wunderbare Kinder, lebe in einer erfüllten Beziehung, habe inspirierende Freunde. Wie es Ernst Jünger in den ersten Sätzen der Marmorklippen sagt, „… begreifen wir, wie sehr es schon ein Glücksfall für uns Menschen ist, wenn wir in unseren kleinen Gemeinschaften dahinleben, unter friedlichem Dach, bei guten Gesprächen und mit liebevollem Gruß am Morgen und zur Nacht. Ach, stets zu spät erkennen wir, daß damit schon das Füllhorn reich für uns geöffnet war.“ – der Glücksfall dieses Füllhorns ist mir beinahe in jeder Minute meines Lebens bewußt. Kurz: Ich bin Eklektizist, Dilettant und Autodidakt, halbgebildet und mittelmäßig intelligent, leide aber nicht permanent unter meinen Grenzen. Ich lebe mit größerem Luxus als Ramses II. und bin fast so ausgeglichen wie ein Yoga-Meister.

Warum sind Sie 2013 zur AfD gegangen?

Wenn die Bundespolitik sich weiterhin im jahrzehntelang üblichen Geplänkel zwischen CDU, SPD und FDP mit ein paar gelegentlichen Störmanövern oder Skandalen abspielen würde, hätten mich keine zehn Pferde in eine Partei gebracht. So wie ich die DDR ohne Parteimitgliedschaft überdauert habe, hätte ich mich gern weiter selbstgefrickelter elektronischer Musik oder den hundert Regalmetern Bücher gewidmet, wäre weiter mit einer philosophischen Sentenz im Kopf durch den Garten spaziert. Politik wird von den meisten Menschen als öde und unaufrichtige Parteipolitik verstanden. Man liest gelegentlich den Satz: „Menschen sind grob in drei Kategorien zu unterteilen: Die Wenigen, die dafür sorgen, dass etwas geschieht, die Vielen, die zuschauen, wie etwas geschieht, und die überwältigende Mehrheit, die keine Ahnung hat, was überhaupt geschieht.“ Der Satz trifft zu, aber so kann Demokratie natürlich nicht funktionieren. Nachdem ich Jahrzehnte auf geistiger Tauchstation in Poesie und Philosophie zugebracht hatte – mein Lieblingsbuch war Wittgensteins Tractatus – hielt ich etwa 2008 mein Erweckungsbuch in der Hand: Schachtschneiders „Freiheit in der Republik“ (2007). Wenn ich eine politische Leerstelle nach dem Zusammenbruch der realen Sozialismus-Utopie der DDR gehabt hätte, nun wäre sie mühelos gefüllt worden. Es hat mich begeistert, dass Schachtschneider eine demokratische Utopie entwickelt hatte, die weitgehend auf dem geltenden Grundgesetz beruht. Es sind also keine Straßenschlachten und Barrikadenkämpfe für eine bessere Welt nötig – nein, man musste nur das Grundgesetz republikanisch lesen und verwirklichen. Inzwischen hatte ich mich der libertären Partei der Vernunft (PdV) angenähert, dann aber begriffen, dass diese Partei ein Lesezirkel bleiben würde. Ich habe noch wunderbare Freunde daher, von denen ich unendlich viel lernen kann, aber als Schlachtroß, mit dem ich in den politischen Kampf reiten kann, bevorzuge ich die AfD.

Sie sind schon lange dabei – haben Sie ähnliche Erfahrungen wie andere Mitglieder gemacht? Oder wurden Sie von den sogenannten Antifaschisten noch in Ruhe gelassen?

Wenn man alle Internethinweise über mich zusammenträgt, entsteht vielleicht das Bild einer gewichtigen Persönlichkeit oder eines Strippenziehers. Das täuscht. Ich bin einfaches Mitglied in meinem Kreisverband Dresden, habe ein paar Aufgaben in Fachausschüssen, nehme an manchen Parteitagen teil und hebe da meine Stimmkarte. Ja, manchmal gehe ich auch kurz an ein Saalmikro, aber ich bin nur einer von sehr vielen.

Haben Sie aufgrund Ihres parteipolitischen Engagements anderswo Probleme bekommen? Wenn man Ihren Namen googelt, dann findet man auf Twitter eine Diskussion über Ihr Arbeitsverhältnis.

Probleme hätte ich vielleicht, wenn ich auch nur den geringsten Einfluß auf redaktionelle Inhalte meiner Zeitung hätte. Das habe ich aber nicht. Ich schreibe nicht, ich fotografiere nicht. Es gibt in einer großen Zeitungsredaktion viele Tätigkeiten, die dem Leser verborgen bleiben, die aber für das Erscheinen der Zeitung notwendig sind. Solch eine Tätigkeit übe ich aus. Zudem hatte ich mich sofort gegenüber meinen Vorgesetzten erklärt.

Haben Sie aktuell noch Ambitionen auf Ämter oder Mandate?

Es hat mich schon sehr geehrt, als ich von meinem Kreisvorstand gefragt wurde, ob ich als Stadtrat kandidieren möchte. Ich habe aber abgesagt, weil man auch bereit sein muss, Abend- oder Wochenendtermine mit Bürgern und Wählern wahrzunehmen. Das überschneidet sich mit meiner beruflichen Arbeit und auch privat wäre das nicht möglich. Ich gehöre nicht zu denen, die „den“ Politikern Faulheit und Bereicherungssucht vorwerfen. Es wird auf allen Ebenen sehr viel geleistet, das meiste nehmen die Bürger nicht wahr, es steht auch kaum in der Zeitung. Wahlfunktionen in der Partei möchte ich nicht ausüben – ich bin keine Rampensau, komme nicht so gut rüber.

Wie zufrieden sind Sie mit der AfD aktuell?

Sofort nach meinem Eintritt hab ich mich mehreren republikweiten innerparteilichen Gruppen angeschlossen, die Programmpapiere verfasst und diskutiert haben. Wir fingen ja bei Null an. Jeder brachte zwar seine Vorstellungen mit, aber das musste zusammenpassen. In den damals noch kleinen Kreis- und Landesverbänden waren gar nicht so viele Sachverständige zu manchen Themen, sodass man schon aus diesem Grund überregionale Kontakte suchte.

Sie waren im Bundesfachausschuss Energie und referierten über Energiepolitik und den sogenannten Klimawandel – Ihnen liegt das Thema, oder?

Ja, ich habe in einem der drei ersten Bundesfachausschüsse mitgearbeitet, zur Klima- und Energiepolitik, bei dem Thema bin ich noch heute dabei, natürlich jetzt in geordneten Bahnen. Die AfD ist angetreten, die auf so gut wie allen politischen Feldern katastrophale Politik zu ändern. Die gegenwärtige Bundesregierung schmeißt die Milliarden nur so aus dem Fenster, als gäbe es kein Morgen. Ich komme aus der Kohleregion Lausitz. Ich weiß, dass der Strom, bevor er aus der Steckdose kommt, unter Mühen erzeugt werden muss. Die hüpfende Greta-Generation hat kein Wissen und keine emotionale Bindung an Industrie und schwere Arbeit, wie ich sie bereits als Kind erfahren habe, als ich meinen Vater oftmals auf Reportagefahrten in Tagebaue und Brikettfabriken begleiten durfte. Die Kumpel mit Staublunge hätten über Work-Life-Balance gelacht. Wertschöpfung passiert nicht nur im Reinst-Raum oder Home-Office. Nach wie vor muss Stahl, Zement, Kohle, Erdöl erzeugt werden, heute nur außerhalb unseres Blickfelds.

Einige bezeichnen die aktuelle Lage in Deutschland als ‚Klima-Hysterie‘, andere lehnen sogar die These eines Klimawandels komplett ab – wie ist Ihre Position?

Jedes AfD-Programmpapier seit 2013 enthält die etwa gleichlautende Einleitung, dass es Klimawandel seit Millionen von Jahren gibt und wir diese Klimavariationen natürlich nicht bestreiten. Es ist ein billiges Manöver politischer Konkurrenten, uns als „Klimaleugner“ darzustellen. Diese Verzerrung ist eine der vielen unsäglichen Dummheiten der gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen. Es gibt in der Wissenschaft keinen Konsens über die Ursachen der klimatischen Veränderungen. Es gab 500 Jahre Konsens darüber, dass die Sonne sich um die Erde dreht. Konsens ist kein Merkmal von Wahrheit. Wir bestreiten also lediglich, dass das zusätzlich vom Menschen durch Verbrennung emittierte Kohlendioxid der Treiber von Änderungen der globalen Mitteltemperatur ist, zusätzlich zu den natürlichen Prozessen wohlgemerkt. Wenn man nun rechnet, welche Hinter-dem-Komma-Miniwerte sich da tatsächlich ändern, falls in Deutschland alle den Atem anhalten, alle Autos stillstehen und alle Öfen aus sind, dann kommt man auf eine Temperaturreduzierung von Null-Komma-Null-Null-Null-Null-Bruchstück Grad Celsius in 100 Jahren.

In den letzten Monaten hat sich einiges klima- und energiepolitisch getan. Fahrverbote, Kohleausstieg, mögliche Geschwindigkeitsbegrenzungen – wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Für einen Aufwand von zwei Billionen Euro bekommen wir einen beispiellosen Niedergang der Industrie. Die ersten Windmühlen verrotten bereits und werden wohl nicht mehr erneuert, weil die Förderungen für den Zappelstrom inzwischen reduziert wurden. In der Lausitz will man als „Strukturwandel“ 5.000 neue Behördenstellen ansiedeln. Es ist Wahnsinn. Bereits 2014 hörte man vom damaligen Wirtschaftsminister Gabriel: „Die Wahrheit ist, dass wir auf allen Feldern die Komplexität der Energiewende unterschätzt haben.“ Sie bemerken es und ziehen es doch durch. „Anmaßung von Wissen“ – wie es Hayek nannte. Es ist Sozialismus. Mein Gedächtnis reicht in die DDR zurück. Plankommissionen legten Methoden, Aufwand und Ziele fest und teilten Material zu. Die heutige Lage unterscheidet sich nur im weit höheren Ausgangsniveau, von dem der Abwärtstrend ansetzt.

Haben sie konkrete Forderungen oder Vorstellungen zur Klima- und Energiepolitik? Ist der Diesel am Ende?

Stuttgarter mit Euro-4-Diesel müssen bereits 80 Euro Strafe zahlen. Die irrationalen Reglementierungen kommen nun auch beim einfachen Bürger an. Gelbe Westen werden bald ausverkauft sein. Bereits seit Jahrzehnten leidet die Baubranche an Zwängen, rechnerisch überzogene Wärmeschutzwerte erreichen zu sollen. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mit seiner Bevorteilung der temporären Erzeuger Wind und Solar muss weg, die Vorschriften zu Wärmeschutz und Energieeffizienz müssen entrümpelt werden. Bürger und Bauherren können selbst entscheiden. Elektroautos sind auch auf absehbare Zeit nicht konkurrenzfähig, sollen aber in den Markt gepresst werden. Nachdem die vier großen Energieversorger bereits nur noch Schatten ihrer selbst sind, wird jetzt die Automobilbranche den Planzahlen unterworfen. Mich wundert nur, dass die vielen Ingenieure den Mund halten und dem Desaster zusehen. Was eine Handvoll engagierte Fachleute erreichen kann, haben die Lungenärzte um Prof. Köhler gezeigt: Es wird wieder offen diskutiert.

Ihre Meinung: Ist die AfD eine Volkspartei oder eine konservative/rechte Partei?

Ich habe überhaupt keine Probleme mit „rechts“, wenn man bei der gebräuchlichen linearen Einordnung von „fortschrittlich“ als „links“ und „konservativ“ als „rechts“ die roten und braunen Sozialisten als Linke einsortiert. Rainer Zitelmann hat m. E. dazu das entscheidende Werk verfasst. In „Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs“ (1998/2017) führt der Autor anhand von hunderten Belegstellen und Dokumenten den Nachweis, dass die Nationalsozialisten – wie es ja auch die Bezeichnung „Sozialisten“ nahelegt – als Linke zu verstehen sind und sie sich auch selbst so verstanden haben. Dieses Buch wird von dem renommierten Historiker Guido Knopp als „Standardwerk” empfohlen, es drückt keineswegs eine absurde Minderheitsposition aus. Der Wirtschaftsphilosoph Rahim Taghizadegan schreibt in „Linke & Rechte“ (2017), dass die Nationalsozialisten in ihrem Einflussbereich acht von zehn Punkten des „Kommunistischen Manifests“ verwirklicht hatten. Nationalsozialisten sind Linke, auch die heutige NPD betrachtet sich explizit als anti-kapitalistisch. Die AfD ist für den Kapitalismus, der Synonym für Marktwirtschaft ist. Ob die AfD eine Volkspartei ist oder werden kann, hat mit der links/rechts-Einordnung nicht viel zu tun. Manche Autoren beschreiben die gegenwärtige bundesdeutsche Parteienentwicklung mit einem Gegensatz von Grünen und AfD, zwischen denen alle anderen Parteien zerrieben werden. Die Grünen sind dabei die am radikalsten marktfeindliche Partei. Die Auswirkungen können wir ja bereits bei der „Energiewende“ besichtigen.

Beschreiben Sie bitte Ihren ökonomischen Standpunkt.

Die Grundströmung in der AfD wurde anfangs von Ökonomen und Finanzsachverständigen vorgegeben. Ich selbst suchte seit 2012 über den Protest gegen den ESM, gegen die undemokratische und intransparente Finanzierungsinstitution „Europäischer Stabilitätsmechanismus“, nach politischwirksamem Anschluß. Wenn man das Statut des ESM liest, geht einem der Hut hoch! Vorher hatte ich mich ein bißchen mit Regionalgeld und Zinskritik im Umfeld der Zeitschrift „Humanwirtschaft“ befaßt, aber dann schnell festgestellt, dass das meist sektiererische Spinner sind, die bloß die Marktwirtschaft nicht begriffen haben. Die radikal-libertäre Autorin Ayn Rand sagt: „Wenn ein Unternehmer einen Fehler macht, trägt er die Konsequenzen. Wenn ein Bürokrat einen Fehler macht, trägst du die Konsequenzen.“ Ich habe die DDR erlebt und noch in allen Fasern die Eindrücke bewahrt: Sozialismus ist Bürokratie pur. Entweder du kriechst auf das Amt und rutscht dort auf Knien, oder du bekommst keinen Außenwandheizer oder kein Telefon oder keine Ferienreise. Niemals habe ich mich auf eine Warteliste für einen Trabant oder einen Wartburg, die beiden einzigen nach 10 oder 12 Jahren Wartezeit erwerbbaren Pkw-Modelle, eintragen lassen. Ich habe dieses Unterwerfen unter ein Verteilungsregime nicht mitgemacht. Als Sympathisant der PdV habe ich dann begonnen, etwas konzentrierter Literatur zu lesen, die sich mit solchen Themen befasst. Ich bin leidenschaftlicher Anhänger des Kapitalismus, der nur ein Synonym für Marktwirtschaft ist. Susanne Kablitz hat wunderbar darüber geschrieben. Und Roland Baader sagt: Marktwirtschaft ist „Wettbewerb um Kooperation“. Ich liebe es, wenn Unternehmer mir etwas anbieten, und ich mit ihnen als Kunde kooperiere. Echtes Leder, echtes Messing, Leinen, feine Knöpfe – alles in der DDR-Zeit fast unbekannte Materialien. Die Schmuckgestalterin meiner Eheringe durfte pro Jahr 10 Gramm Gold verarbeiten. Von der geistigen Öde will ich gar nicht erst reden. Nie wieder DDR!

In einem Artikel auf der Webseite Ihres Kreisverbandes berufen Sie sich auf libertäre/liberale Positionen. Im Artikel Sie sprechen über einen – simpel zusammengefasst – aufgeblähten Sozialstaat. Wie kommen Sie auf diese Aussage? Haben Sie Lösungen?

Starken Eindruck hatte auf mich das Buch von Prof. Gerd Habermann, „Wohlfahrtsstaat“, gemacht. Darin wird ein Panorama des Heranziehens von deutschen Untertanen beschrieben, seit 400 Jahren. Früher der König und der Beamtenapparat, heute die Regierung und derselbe Beamtenapparat – und auf der anderen Seite der Staatsbürger, die ewige Steuer-Melkkuh. Um noch einmal Roland Baader zu zitieren: „Sobald mehr als die Hälfte der Bevölkerung eines Landes ihr Einkommen ganz oder teilweise vom Staat bezieht, ist eine Umkehr auf dem Weg in die Knechtschaft nicht mehr möglich. Die Stallgefütterten wollen und können auf ihren Futtermeister nicht mehr verzichten. Ihr Schicksal ist dann vorgezeichnet: Füttern, melken, schlachten.“ Über diese Hälfte sind wir hinaus. Kurze Freiheitsepisoden wie das Erhardsche Wirtschaftswunder und die stolze Liste von Kämpfern für die freiheitliche Ökonomie wie Hayek und Mises mal ausgeklammert: Es gibt keine Hoffnung, ein Volk von Staatssüchtigen zu therapieren. Wenn das gegenwärtige Geld keinerlei Gewinn durch aufgeschobene Wünsche verspricht, wie soll Verantwortung für die Zukunft noch eine Substanz haben?

Wie wichtig ist Ihnen die Sozialpolitik? Wie sollte sich die AfD in diesem Politikfeld positionieren?

In dem erwähnten Artikel „Sozialpolitik als Paket aus Eigenverantwortung und gutem Geld“ ist für mich das entscheidende Wort das „Paket“. Man könnte nicht das Ruder herumreißen, wenn man als Parteieinzelne Wohltaten oder Einschnitte anpreisen würde. Auch die AfD spielt beim „Wettbewerb der Gauner“ (Hans-Hermann Hoppe) mit und wird so von Presse und Wählern beurteilt. Wer den höchsten Mindestlohn verspricht, wird eine Wahl gewinnen, aber den Sozialstaat nur noch näher an die unvermeidliche Insolvenz bringen. Um den Staat aus dem Teufelskreis herauszuführen, müsste meine Partei ein schlüssiges Gesamtkonzept aus radikalen Schnitten und überzeugenden Freiheitsgewinnen schnüren. Da wir aber feindliche Massenmedien gegen uns haben, kann es kaum gelingen, dieses Paket so auch der Hausfrau nach Hintertupfingen zu übermitteln. Selbst wenn das Ganze ein genialer Wurf wäre, – der übliche Mechanismus, Belanglosigkeiten zu skandalisieren und Echtes verschwinden zu lassen, würde wieder greifen und ein Zerrbild in die Hirne projizieren. Der Gedanke, dass es mit dem gegenwärtigen Sozialstaat so nicht weitergeht, müsste sich schon Bahn gebrochen haben. Solange aber alle Zeitungen von „sprudelnden Steuereinnahmen“ schreiben, glaubt der Michel, dass die Welt in Ordnung ist.

Sie haben die Erfurter Resolution unterstützt – können Sie das im Jahre 2019 immer noch? Oder hat sich was geändert?

Die Erfurter Resolution hatte eine ausschließlich innerparteiliche Funktion gegen Luckes „Weckruf“, einen angekündigten Spaltungsversuch. In der unfreundlichen Presse wird die Erfurter Resolution dargestellt, als wäre sie ein Fahrplan zur Machtergreifung. Das ist aber Unsinn, man kann es nachlesen.

Sie sind schon lange Mitglied der AfD und kennen die Basis – was sagt jene zum Verhalten des BuVo?

Wir alle können mit Angriffen von außen umgehen. Jeder Parteitag ist in der medialen Widerspiegelung ein „Rechtsruck“ – das hakt man nur noch ab. Aber Parteiausschlußverfahren, die dann von Schiedsgerichten abgeschmettert werden, haben die Nebenwirkung, dass wir in der Presse als „zerstritten“ dargestellt werden können. Als niederträchtig empfinden alle mir bekannten Mitglieder die Äußerungen von Ausgetretenen, sie wären gegangen, weil wir „zu rechts“ oder „zu radikal“ wären. Man sieht aber schnell, dass meist aus gekränkter Eitelkeit eine Mitgliedskarte zerschnitten wurde. Jüngst wieder: Beim Landesparteitag hat es nicht zum guten Listenplatz gereicht – zack! – Austritt! Schade.

Sie haben die Patriotische Plattform mitgegründet und saßen im Vorstand. Wie ist Ihr Resümee über diese Zeit? Die PP stand teilweise sehr in der Kritik – von außerhalb, aber auch innerhalb der AfD.

Im Frühjahr 2013 war „patriotisch“ noch nicht so in aller Munde wie heute. Es war ja so: Man fuhr zu den ersten Landes- und Bundesparteitagen und kannte fast niemanden. Man wusste nicht, was genau diejenigen politisch wollten, die nicht wie Lucke oder Petry in Radio- und Fernsehmikrofone reden konnten und dort Vorstellungen entwickeln konnten, die noch in keinem Programm standen. Es gab noch keine Programme. Die vielen klar blickenden AfD-Mitglieder mit ihren teilweise jahrzehntelangen Erfahrungen aus kleinen Vorgängerparteien wollten wir ansprechen und ihnen ein Forum geben, ihre Vorstellungen zusammenzubringen. Vielleicht würde das sogar als Parteiflügel funktionieren, das war die Idee. Amüsant war, dass die Presse ein Spielmaterial hatte, und wir lasen gelegentlich, was für böse Buben wir angeblich sind.

Haben Sie Ihre anvisierten Ziele erreicht? Die PP hat plötzlich im letzten Jahr die Selbstauflösung beantragt – welche Gefühle haben/hatten Sie gegenüber diesem Schritt?

Die Lucke-AfD hatte zum Thema „Volk“ und „Identität“ noch nicht viel zu sagen. Das wollten wir vertiefen. Es war damals, also vor dem verhängnisvollen Jahr 2015, auch noch nicht so offensichtlich, dass das herrschende Parteienkartell und die angekuschelte Medienallianz – oder umgekehrt – in beispielloser Weise das Volk mißachten. Ich habe gegenüber dem Verein PP keine Gefühle, er hatte seine Funktion und er hatte seine Zeit. Auch die AfD, nebenbei bemerkt, ist für mich ein Instrument, meinen politischen Willen auszudrücken, kein Liebesverhältnis, auch wenn ich der Partei zeitweilig 90 Prozent meiner Energie außerhalb des Arbeitslebens gewidmet habe. Diese nüchterne Betrachtung trübt natürlich nicht meine große Freude, mit wunderbaren Frauen und Männern gemeinsam etwas zu schaffen. Und ich erinnere mich dankbar an die verstorbenen Freunde Michael Heendorf, Ulrich Nauber, Bodo Herold, Giselher Suhr und Konrad Fischer.

Wie bewerten Sie den Schritt des VS? Ist die drohende Überwachung eine Gefahr?

Ich bin froh, dass das Gutachten öffentlich ist. Man kann nun lesen, aus welch trüben Antifa-Quellen es zusammengebraut ist und welcher eigentlich verfassungsfeindliche Irrglaube ihm zugrunde liegt. Dem Blick öffnet sich der Grundkonflikt zwischen Ethnos und Kulturmarxismus. Wir sagen: Ethnische Völker sind eine empirische Tatsache, Völker sind geworden und sind kollektive Träger von Kultur und Verschiedenheit. Die Kulturmarxisten sagen: Es gibt nur Individuen in einer Menschheit, Völker sind Konstrukte, existieren gar nicht. Daraus ergibt sich ein unvereinbarer Gegensatz, der sich z. B. in den Forderungen nach kontrollierten oder offenen Grenzen ausdrückt, nach Bewahrung des Volkes oder für Masseneinwanderung. Wie es Michael Klonovsky ausdrückt: „Die Migrationsfrage ist die Schicksalsfrage Europas. Aus einer Währungsunion kann man austreten, ein zerstörtes Land wieder aufbauen, eine Energiewende umkehren, aber ein Bevölkerungsaustausch solchen Tempos und in dieser Größenordnung ist irreversibel.“ Was mir dabei meine Seelenruhe gibt: Wir denken und handeln in Übereinstimmung mit Buchstaben und Geist des Grundgesetzes, das dem deutschen Volk verpflichtet ist und uns verpflichtet.

Welche Medien lesen nutzen Sie? Was empfehlen Sie?

Kaum noch Fernsehen, dadurch verliert man keine Zeit. Ich lese sehr viel, bis tief in die Nächte, aber kaum Belletristik, fast nur noch Sachbücher und natürlich Sezession, Cato und Tumult. Wenn man erstmal angefangen hat, eigene Bildungslücken zu erkennen, dann ist der Weg sozusagen vorgezeichnet. Mit der Erfahrung findet man unweigerlich immer mehr Lücken, aber auch Gutes und Besseres, dafür habe ich ein gewisses Talent. So habe ich vor einem Jahr Ingo Bading entdeckt, der mir zur wichtigsten Orientierungsfigur geworden ist. Und empfehlen will ich gern „Recherche D“, das alternative, patriotische Wirtschaftsmagazin meines Freundes Felix Menzel.

Haben Sie ein Buch, dass Sie grundsätzlich jedem empfehlen?

Zu dieser Frage könnte man ein separates Interview machen, da wäre doch einiges zu sagen. „Jedem“ kann man wohl nichts empfehlen, auch wenn es mehrere bemerkenswerte Bücher gibt, die eine kleine feine Liste ergäben. Einen Geheimtipp aus meiner vor-politischen Phase nenne ich aber gern: „Die Notizen“ von Ludwig Hohl.

Blicken Sie optimistisch in die Zukunft?

Rolf Peter Sieferle war sicherlich zehnmal intelligenter und zwanzigmal gebildeter als ich, doch er konnte keinen Weg mehr sehen. So weit bin ich noch nicht. Ich widersetze mich, auch wenn das viel zu wenig bewirken und bloß für die Selbstachtung reichen wird.

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Ein Kommentar

  1. “Es gibt keine Hoffnung, ein Volk von Staatssüchtigen zu therapieren.”
    So ist es, aber das muss man auch erstmal verstehen und in seiner Konsequenz begreifen. Was für ein tiefgründiges, von echtem Interesse getriebenes und damit so ganz und gar wider den Zeitgeist geführtes Interview! Ralf Schutt halte ich für einen der interessantesten und klügsten Köpfe der sächsischen AfD. Aufgrund meiner Farcebook-Sperre kann ich es derzeit nur auf VK.com und meiner Webseite teilen, was ich jedoch sehr gerne mache.

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