Gibt es den Schuldkult? Ein Kommentar4 Minuten Lesezeit

AvatarVeröffentlicht von

Der 27. Januar ist für die bundesdeutsche Gesellschaft ein heiliges Ritual. Wie die Marktschreier im Mittelalter posaunen Medien, Intellektuelle, Politiker sowie Promis die modernen Gebete heraus: #weremember, “wir müssen aus der Geschichte lernen”, “nie wieder”.

Die metaphysischen Bedürfnisse unserer Gesellschaft sind durch die Entchristianisierung in den letzten Jahrhunderten nicht verschwunden. Die Antworten, die die Kirche auf existenzielle Fragen gab, beruhigten die Seelen der Menschen. Erst die Aufklärung rüttelte an dieser Basis der europäischen Gesellschaften. Eine fortschreitende Säkularisierung und der technische Fortschritt sorgten dafür, dass die christlichen Lösungen den Menschen nicht mehr genügten. Die Deutungsmacht der Religion zerfiel, andere Faktoren wie Volk, Nation und Ethnie überschallten die Sirenenklänge der dahinsiechenden christlichen Kirchen. Ungefähr 300 Jahre später kann man in der Bundesrepublik das Extrem dieser Entwicklung erkennen. Gesellschaftliche Grundlagen besser gesagt: die Klammern, die eine Gesellschaft zusammenhalten und sie zu einer Gemeinschaft machen sind in Deutschland verpönt und werden weggesperrt. Der Begriff der Nation gruselt die Politiker.  Ein “Volk” existiere sowieso nicht und sei eine Legende der Rechten. Ethnien und Rassen seien unwissenschaftlich. Eine gemeinsame Geschichte oder Überzeugung würde nur Andere ausschließen.

Alles, was in anderen Staaten für ein Fundament sorgt, wird von deutschen Politikern in die Giftschränke gestellt. Aber ein solches Fundament ist nötig, wenn die Gesellschaft nicht explodieren soll  ist dieses nicht gegeben, zerfallen die Staaten, wie im Nahen Osten oder im Balkan zu beobachten ist. Um die bundesdeutsche Gesellschaft zu stabilisieren, nahm man in der Vergangenheit deshalb zwei Wege. Bis 1990 sorgte der Kalte Krieg für den Zusammenhalt in Westdeutschland. Dieser außenpolitische, und somit “fremde” und nicht beeinflussbare Faktor gab dem westdeutschen Staat Solidität. Aber innenpolitisch sahen die (linken) Intellektuellen relativ früh die Chance, an einem neuen metaphysischen Entwurf zu arbeiten. Zwar gab es noch alte Elemente in den Strukturen der frühen BRD, jedoch war spätestens 1968 der Platz für eine Übernahme frei – der Historikerstreit um Ernst Nolte ist ein gutes Beispiel, wie linke Elemente langsam die Deutungshoheit für den Mainstream übernahmen. Wie schon angesprochen fielen für die Intellektuellen Faktoren wie Ethnie, Volk und Nation weg die deutsche Geschichte 1914-1945 lieferte für sie kein ansprechendes Material, die neue Nationalerzählung sollte eher ein Gegenentwurf dazu werden. Das bundesdeutsche Selbstverständnis basierte also nicht mehr auf Ethnie oder Nation  es sollte diese sogar explizit verneinen.

Aus diesem Zweck kultiviert das neue Deutschland einen “Schuldkult”. Um dieses neue Selbstverständnis aufzubauen und zu erhalten, ist es sogar notwendig, bestimmte Elemente der Vergangenheit nie zu vergessen, obwohl Vergessen zur Gesellschaft dazu gehört. Wie sonst will eine Gesellschaft in einer immer komplexer werdenden Zeit überleben, ohne unter der Last zu zerbrechen? Die Historisierung vergangener Zeiten, das Abdunkeln ist ein völlig normales Phänomen menschlicher Zivilisationen. Die verschiedenen Generationen betreiben regelmäßig einen Frühjahrsputz, indem man die Vergangenheit historisiert. Aber innerhalb der deutschen Gesellschaft ist das Vergessen unerwünscht. Man sattelt also in dieser Hinsicht immer das Pferd von hinten auf und denkt die BRD aus der Perspektive des Dritten Reiches. Es ist eine deterministische, vielleicht sogar eschatologische Sicht der Geschichte – die Deutsche Geschichte, voller Schrecken bis 1945, bringt 1949 die BRD zur Welt. Auschwitz war der Kulminationspunkt, das große Finale der schlimmen Zeit. Mit Goldhagen und Fischer hatten die linken Intellektuellen genug “wissenschaftliche” Schützenhilfe, um diese Erzählung voranzutreiben – ohne Hitler keine BRD. Der ehemalige Außenminister Fischer fasste diesen Gedankengang gut zusammen er sprach vom Gründungsmythos Auschwitz. Aus diesen Gründen hat die Deutsche Geschichte 1933-1945 eine extreme Bedeutung für den deutschen Staat. Es gehört schon zur politischen Bildung, versteht sich ja die BRD als ein Gegenentwurf zum Dritten Reich. Aber nicht nur zur metaphysischen Genugtuung bespielen die deutschen Intellektuellen die Saiten eines Schuldkultes. Sie machen es auch wegen einer “moralischen Hygiene”. Man will Buße tun für das Leiden, das die Ahnen im Dritten Reich verbreiteten. Das Dritte Reich ist also eine unendliche Goldgrube für gewisse politische Kräfte in der BRD, aus der sie metaphysische Erzählungen schöpfen und in die sie gleichzeitig ihr Gewissen entleeren können.

Müssen wir also eine Umkehr in der Erinnerungspolitik anstreben? Jein – aktiv würde man nur wieder dafür sorgen, dass man die Geschichtswissenschaft unter das Dach der Politik stellen würde. Aus verschiedenen Gründen wäre das nicht akzeptabel. Wenn aber die politische Macht des linksgrünen Mainstreams verschwindet, wird auch passiv der Schuldkult verschwinden, da die ihn Betreibenden genauso ihre Koffer packen müssen. Es würde dann keiner mehr auf 33-45 verweisen und die Deutungshoheit verteidigen müssen – eine Historisierung wäre dann von alleine möglich.

Bildquelle: flickr.com

Hat euch der Artikel gefallen? Folgt uns auf Facebook und Twitter.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.