Quo vadis, Nationaler Widerstand?9 Minuten Lesezeit

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Eine Kritik am Nationalen Widerstand – und an Rechten.

Innerhalb der rechten Gruppierungen herrscht derzeit ein gewisser Diskussionsbedarf über die momentane Situation. So streitet sich Götz Kubitschek mit Martin Sellner über die für ihn enttäuschende Situation der Identitären Bewegung. Die beiden rechten Denker Frank Kraemer und Johannes Scharf debattieren über die Lage des Nationalen Widerstands. Viel Kritik wurde in den letzten Wochen geäußert, wobei jedoch sechs Punkte vergessen wurden. Diese Thesen sprechen nicht nur den sogenannten Nationalen Widerstand bzw. “Altrechte” an, sondern die gesamte rechte Opposition. Ich empfehle für ein besseres Verständnis den Artikel über die Einteilung des rechten Spektrums zu lesen. Weiterhin werden für eine bessere Verständlichkeit die Begriffe “Neurechte” und “Altrechte” benutzt. Sie sind nur deskriptiv gemeint, keinesfalls pejorativ.

1.) Der Nationalsozialismus (NS) ist für das 21. Jahrhundert nicht als politisches Grundgerüst geeignet

Ich sage es hier ganz direkt: Der NS ist tot. Wer versucht, diesen wieder als politischen Faktor zu etablieren, wird keinen Erfolg haben (können). Man behauptet immer gerne, der NS sei das “organische System” des deutschen Volkes, die “natürliche” politische Konstituierung der Deutschen – dabei romantisiert man jedoch dieses System und lässt sämtliche (Vor)bedingungen außer Acht. Der Nationalsozialismus entstand in den 20/30er Jahren nicht in einem luftleeren Raum, er war ein Kind des damaligen Zeitgeistes. Somit lieferte er Antworten und Lösungen für die damaligen (wenn auch möglicherweise nur gefühlten) Probleme und Krisen. Viele Prämissen des Nationalsozialismus existieren nicht mehr. So haben wir keinen Versailler Vertrag mehr, der vielen Deutschen wie ein Stachel im Fleisch saß und eine gute Mobilisationsbasis für Rechte darstellte. Auch haben wir im Vergleich zu den 20ern eine gute wirtschaftliche Situation – durch die soziale Marktwirtschaft wurden die gröbsten Unterschiede zwischen den Klassen nivelliert. Zudem haben die Deutschen in den letzten Generationen keinen Krieg erleben müssen, stattdessen ist Deutschland mittlerweile sogar eines der beliebtesten Länder der Welt – im Gegensatz zu der damals isolierten Weimarer Republik. Der in der Weimarer Republik weitverbreitete Antisemitismus ist in der BRD aus verschiedenen Gründen nicht mehr möglich.

Wie will man also mit den Methoden und Werkzeugen des NS heute noch politisch Erfolg haben, wenn die Bevölkerung ganz andere Probleme im Kopf hat? Sie will eine gute Rente, sie macht sich Sorgen über die Islamisierung – ein Kampf gegen eine vermeintliche ZOG oder der 25-Punkte-Plan wird innerhalb der heutigen deutschen Bevölkerung keine Jubelstürme mehr auslösen.

Der stumpfe Versuch, einen orthodoxen NS wiederzubeleben, ist aus politischen Gründen also unmöglich.

2.) Die “Neurechten” sind die “Altrechten” des 20. Jahrhunderts

Jetzt werden bestimmt einige Altrechte in Schnappatmung fallen. Es ist aber simpel: Die Neurechte fokussiert sich auf die Probleme des 21. Jahrhunderts – genauso, wie es die damaligen Rechten im 20. Jahrhundert taten. Ich möchte nicht behaupten, dass neurechte Bewegungen und Parteien einen revolutionären Impetus haben, jedoch sind sie auf einer anderen und besonderen Ebene revolutionär. Sie sind populistisch und somit dynamisch. Die populistischen Elemente innerhalb der Rechten waren bis vor kurzem in der Regel die altbekannten Sirenengesänge des 20. Jahrhunderts (genauer die aus der ersten ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts). Zwar konnte in der Vergangenheit die NPD in Teilen rechtspopulistisch agieren, aber sie wirkte dabei immer altbacken und konnte nie einen wichtigen Erfolg erreichen. Die Rechte in Deutschland agierte immer noch auf alten Prämissen und konnte somit kaum flexibel sein. Während das Multikultichaos in den Städten im Westen immer schlimmer wurde, diskutierte man in einigen rechten Gruppen lieber über den jüdischen Weltfeind oder versuchte, die Holocaustzahlen der Historiker zu widerlegen – während Flüchtlinge nach Deutschland einreisten, bezeichnete man andere Rechte als Strasseristen und verweigerte eine Zusammenarbeit. Dabei vergaß man die Wirklichkeit. Natürlich, man kann einiges an rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen kritisieren – etwa das Problem, dass sie eben immer populistisch sein müssen, um Erfolg zu haben, da sie ein nur mangelhaftes Weltbild haben. Warum sollte die AfD das Einwanderungsproblem lösen, wenn sie davon letztendlich profitiert? Wer würde noch die AfD wählen, wenn sie es täte? Wir wissen alle, wie vergesslich deutsche Wähler sein können. Aber jeder Gewinn für Neurechte ist letztendlich auch ein Gewinn für sämtliche rechten Gruppen.

Neurechte sind durch ihre Flexibilität die Gewinner innerhalb des rechten Spektrums.  Sie sollten als Vorbild gelten und nicht aus den eigenen Reihen mit Schmutz beworfen werden. Neurechte haben die Fähigkeit etwas “Neues” zu erschaffen – das sollte man schätzen.

3. Wer NS-LARPing betreibt, spielt nur dem politischen Gegner in die Hände

Johannes Scharf hat es in seiner Kritik schon angedeutet: Wer mit NS-Symbolik rumspielt oder als Wehrmachtsoldat ein Rollenspiel betreibt, um gegen “die Juden” und “die Besatzer” zu wettern, tanzt nach der Pfeife des linken Mainstreams. Ja, NS-Ästhetik hat seine Reize und der Stahlhelm hat eine gewisse Symbolik und Ausstrahlung, nach der sich mancher Deutscher im Jahre 2019 sehnt. Aber stellt sich hier nicht die Frage, ob man mit solchem Verhalten nicht nur seinen eigenen Geltungsdrang befriedigen will? Man schlüpft in die Rolle des kantigen Wehrmachtssoldaten, um eine neue Identität anzunehmen, da man mit dem Mann-und-Weibs-Bild der BRD und der Identitätspolitik unzufrieden ist. Ein Soldat der Wehrmacht steht für Werte und einen Charakter, der heute verpönt ist. Ich kann es verstehen, dass man auch so sein will – aber wer sich nur in dieses Cosplay flüchtet, hat es sich zu einfach gemacht. Es reicht also nicht nur, sich wie ein Wehrmachtssoldat zu kleiden – man sollte auch die entsprechenden Werte leben. Eben dies tun viele heutige NS-Verehrer aber nicht. Viel zu häufig sieht man in diesem Lager übergewichtige, von Alkohol- und Drogenmissbrauch gezeichnete Gestalten, die zwar den “alten Zeiten” hinterhertrauern, selbst jedoch meilenweit vom Ideal des gesunden, aufrichtigen, zähen und ehrenhaften Mannes entfernt sind. NS-Larp ist für derartige Personen völlig unangebracht, denn was hat ein fetter, hässlicher Idiot mit Sonnenkreuz-Tattoo schon mit einen Offizier der Wehrmacht gemein? Richtig, nichts. Frank Kraemer hat zwar schon geäußert, dass es auch andere Gruppen wie bspw. den Dritten Weg gibt, der auf eine gewisse Außenwirkung setzt – aber im Ernst: Der Dritte Weg ist eine kleine Splitterbewegung.

Wer sich aufgrund der heutigen Politik in der BRD in ewiggestrige Rollen flüchtet, weil er denkt, dass es edgy und besonders oppositionell wäre, der irrt sich. Er spielt dabei nur die für ihn angedachte Rolle im großen Orchester des Mainstreams. Sollte man deshalb auf sowas verzichten? Nein – man sollte aber nicht 200kg wiegen, besoffen auf Konzerten abhitlern und sich wie ein Idiot benehmen. Wie heißt es gerne: Ein Riese in der Theorie, ein Zwerg in der Praxis.

4. Es fehlt der gemeinsame Nenner

Hier kommen wir zum Punkt, den ich einerseits wirklich am NW (und der Rechten allgemein) hasse, andererseits auch liebe. Selbst bei den Linken, die ihre 1000 Untergruppen, seien es Anarchisten, Kommunisten, Trotzkisten, Sozialisten oder was auch immer, haben, gibt es nicht diese Zerstrittenheit im eigenen Lager. Der eine wird als Cuckservativer bezeichnet, der andere ist ein Reaktionär, mit dem man aus Distanzeritis nicht zusammenarbeiten will, ein Freund von heute ist morgen ein Strasserist und somit ein Feind. Diese Heterogenität kann interessante Diskussionen auslösen, aber auch schrecklich enden – und zwar, wenn man lieber die ganze Zeit die anderen rechten Gruppen kritisiert und eine Zusammenarbeit ablehnt. Natürlich kann aus gewissen Gründen ein Konservativer nie mit einen orthodoxen Nationalsozialisten zusammen auf eine Demo gehen – die Linken würden eskalieren und man hätte mehr verloren als gewonnen. Wieso kann man aber nicht einen informellen Waffenstillstand vereinbaren, zumindest wenn es um den Kampf gegen die Überfremdung geht? Es fehlt den Gruppen rechtsaußen leider ein gewisses Verständnis für die Personen aus dem “moderaten” Bereich. Diese können aufgrund des Mainstreams von heute auf morgen nicht auf eine Veranstaltung einer extrem rechten Partei gehen – es wäre ihr politischer Tod. Genauso aber können einige Neurechte ein bisschen mehr Mumm gebrauchen, Frank Kraemer hat in seiner Antwort genug Beispiele für so ein übertriebenes Verhalten geäußert.

Wenn es gegen “Nazis” (und hierunter fallen wir alle) geht, dann stehen Linke immer zusammen. Warum können Rechte sowas nicht?

5. Es fehlen (strategische) Denker und Intellektuelle 

Hier werden mir vielleicht jetzt einige nationalsozialistische Denker an den Kopf werfen – diese meine ich aber nicht. Was fehlt, sind aktuelle, also moderne, Denker. Auch hier gilt das, was ich in den vorherigen Punkte ausführte: Die Antworten aus den 20ern können nur schlecht für die heutige Generation gelten. Mit Arnold Gehlen verstarb in den 70ern einer der letzten großen Köpfen der Rechten. Und spätestens seit dem Tod von Schrenck-Notzing im Jahre 2009 ist es zappenduster. Zwar gibt es mit Karlheinz Weißmann, Martin Sellner und Alain de Benoist eine gewisse intellektuelle Szene – diese ist aber dezidiert neurechts. Rechtsaußen ist absolut nichts in Sicht, im Gegenteil – es gibt wieder eine Renaissance der altgedienten Antworten. So druckt der Schelm Verlag Bücher aus dem Dritten Reich als Quellentexte, die man dann in Bücherkreisen eifrig lesen kann. Dass es keine inhaltlichen Denker gibt, kann man noch verkraften, wenn es wenigstens strategische Köpfe gäbe. Aber selbst diese fehlen. Mit Michael Kühnen hatte man zwar jemanden, den man dieser Kategorie zuordnen konnte, aber er war letztendlich auch wieder schnell in den Hintergrund geraten. Dabei ist es wichtig, Personen zu haben, die entweder für eine inhaltliche und theoretische Basis oder für eine Strategie sorgen – wie will man sonst im politischen Spiel gewinnen, wenn man keine Gewalt einsetzen will?

Hier sollten sich Altrechte mal wirklich an den Kopf fassen und für eine neue intellektuelle Generation sorgen, wenn sie nicht vollkommen vergessen werden möchten.

6. Altrechte verfügen, ebenso wie die antideutsche Linke, über ein extrem verkürztes geschichtliches Bild von Deutschland

Dieser Punkt ist selbsterklärend. Altrechte benutzen zu oft und zu gerne das Dritte Reich als ihren Bezugspunkt. Sie bleiben dabei im teleologischen Geschichtsbild ihrer Ideologie hängen – und sind somit hilflos dem 21. Jahrhundert ausgesetzt. Das Geschichtsbild des NS hat sich mit der Niederlage als unwahr erwiesen – genauso wie das des historischen Materialismus von Marx.

Rassen- sowie Klassenkampf hat letztendlich nicht das gebracht, was die großen Denker versprochen haben. Wieso sollte man dann überhaupt noch bei diesem Welt- und Geschichtsbild bleiben, wenn es bereits falsifiziert wurde?

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