Das Trauerspiel um den Trisomietest3 Minuten Lesezeit

Wolf LarsenVeröffentlicht von

Die FDP spricht sich dafür aus, dass ein vorgeburtlicher Test auf Trisomie 21 Kassenleistung werden soll und sorgt für den Shitstorm des Tages. Der Fehler der Partei: Der entsprechende Post war mit einem Bild eines Downies illustriert, dem man damit angeblich das Lebensrecht absprechen würde. Nun verteidigt sie sich: „Für uns ist Perspektive eines Kind (sic) mit Trisomie 21 nichts Negatives.“ Warum eigentlich nicht?

Der Vorstoß der FDP ist ein Beitrag zur Forderung über eine Debatte zur Einführung des Trisomietests als Kassenleistung, die in den letzten Wochen aufkam. Der Gentest soll die gefährlichere, aber von den Krankenkassen bezahlte Fruchtwasseruntersuchung ablösen oder zumindest ergänzen.

Mal davon abgesehen, dass die reine Möglichkeit, sich kostenlos Informationen über den Zustand des Fötus im Mutterleib zu beschaffen, noch kein Garant für ihre Nutzung ist und erst recht nicht zwangsläufig zu einer Abtreibung führt, demonstriert die aufgebauschte Debatte doch anschaulich, wie Behinderung im Namen der Vielfalt zum Fetisch wird. Den Gegnern des Trisomietests geht es selten um ethische Argumente, sondern um die Verherrlichung einer als natürlich und liebenswert verklärten Behinderung.

Dabei ist die Aufregung um den Trisomietest als Kassenleistung letztendlich auch nur vorgeschoben. In Zeiten, in denen immer mehr Krankenkassen homöopathische Behandlungen zahlen, sollte man die unentgeltliche Bereitstellung einer potentiell lebensverändernden Information bei Wunsch des Betroffenen doch als selbstverständlich voraussetzen. Meint man zumindest. Doch Pränataldiagnostik ist vielen suspekt. Nicht lange dauerte es also, bis Unkenrufe laut wurden. Ulla Schmidt, SPD-Politikerin und Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung gehört zu den meistgefragtesten Gesprächspartnern bei dem Thema. Sie findet, der Test würde Menschen mit Downsyndrom als „lebensunwert” diskriminieren und ärgert sich, dass man Pränataldiagnostik nicht generell verbieten kann.

Den Vogel schießt sie allerdings mit folgender Aussage in einem Interview mit der ZEIT ab: „Ich kenne betroffene Kinder, das sind fröhliche und glückliche Menschen. Es gibt sogar Eltern, die ein Kind mit Down-Syndrom adoptieren, weil sie sagen, dass diese Kinder für sie ein Quell der Freude sind.“

Natürlich würde nur ein zynischer Mensch solchen Eltern unterstellen, sich nicht aus reiner Nächstenliebe für ein behindertes (Adoptiv-)kind zu entscheiden, sondern aus dem Wunsch heraus, ein Zwischending aus Kind und Haustier zu haben, das sein Leben lang bemuttert und umsorgt werden muss. Während solche Kümmerer aber tatsächlich ihr ganzes Leben für die Pflege eines behinderten Kindes opfern, handeln Personen, die selbst nie für einen sabbernden Downie sorgen mussten, aber die Geburt solcher Behinderter verherrlichen, schlicht schäbig. Niemand will existierenden Menschen mit Trisomie ihr Lebensrecht absprechen. Genauso wie Poliokranke, die durch die Einführung einer Schutzimpfung nicht an menschlicher Würde und Wert verlieren, verlieren bereits geborene Menschen mit Trisomie 21 nicht an Existenzberechtigung, wenn ein behinderter Fötus abgetrieben wird. Und wer jetzt beklagt, was Downies wohl selbst dazu sagen würden, dass ihresgleichen nun vor der Geburt aussortiert werden können, sollte sich lieber überlegen, warum die Meinung eines kognitiv beeinträchtigten Menschen von irgendeiner Relevanz für werdende Eltern sein sollte, die sich gesunden Nachwuchs wünschen.

Ja, Downiekinder können ganz süß sein. Sie sind verkuschelt, naiv und fröhlich. Sie sind aber auch geistig und körperlich behindert. Sie haben eine geringere Lebenserwartung und können in den meisten Fällen auch im Erwachsenenalter kein selbstständiges Leben führen, was durch Inklusionsbestrebungen nur verlagert, nicht gelöst wird. Ihre Eltern haben Mitgefühl verdient, auch wenn sie sich die Geburt eines behinderten Kindes retrospektiv schönreden, um nicht daran zu zerbrechen.

Wer jedoch Menschen wichtige Informationen vorenthalten will, die zu einer selbstständigen Entscheidung gegen ein behindertes Kind führen können, geht diesem Schönreden auf den Leim. Wer seinen Mitmenschen lieber zumutet, ihr Leben für ein Trisomiekind aufzuopfern, als sich schweren Herzens für eine Abtreibung zu entscheiden und ein anderes, hoffentlich gesundes Kind zu zeugen (oder zu adoptieren), sollte sich fragen, warum er die Geburt eines behinderten Kindes höher wertet, als die eines gesunden. Der Kinderwunsch der betroffenen Eltern verschwindet schließlich nicht über Nacht.

Hat euch der Artikel gefallen? Folgt uns auf Facebook und Twitter.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.