Warum die Linke nicht mehr links ist4 Minuten Lesezeit

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Ich war bereits 25 Jahre alt, als ich politisches Interesse und den Wunsch nach Mitgestaltung verspürte und in die Linke eintrat.

Mich nach mehr sozialer Gerechtigkeit sehnend, rief ich mir ins Gedächtnis, was meine Eltern  beide ehemalige DDR-Bürger, beide Proletarier aus eher einfachen Verhältnissen (mein Vater absolvierte ein Ingenieursstudium bei der NVA, meine Mutter eine Ausbildung in einem Metallberuf), beide Verlierer des Systemwechsels  über die Zeit unter der Vorgängerpartei der Linken zu erzählen wussten. Kaum Arbeitslosigkeit, Vollbeschäftigung, sozialer Wohnungsbau, Einmütigkeit der Bevölkerung, strenge Erziehung der Jugend als Staatsaufgabe. Ein ziemlicher Gegenentwurf zur aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage also, die ich kritisierte. Da auch ich eher aus einfachen familiären Verhältnissen stamme und mich statt für ein Studium für eine handwerkliche Ausbildung entschieden hatte, dachte ich, dass eine Partei für’s Proletariat wie gemacht für mich sei. Warum das Pustekuchen ist, hoffe ich anhand meiner eigenen Erfahrungen und Eindrücke mit der Partei “Die Linke” deutlich machen zu können.

Bei meinem ersten Besuch eines linken Parteitages fiel mir bereits die fehlende Präsenz des Proletariats auf; stattdessen Studenten en masse. Wirkliche Vertreter der Arbeiterklasse fanden sich eher unter den älteren Semestern vertreten, denen ständig die Redezeit verkürzt wurde, da sie sich eher konservativ zu den Verhältnissen der Flüchtlingskrise äußerten, welche zu jener Zeit bereits Hochkonjunktur hatte.

Ein nicht enden wollender Monolog der Parteivorsitzenden Katja Kipping hingegen, den sie den dumpf jubelnden Studentenmassen unreflektiert in die leere Hirnschale goss, bot einem nicht paralysierten Zuhörer hauptsächlich entkerntes, ideologisches Phrasengedresche statt Antworten.

Natürlich nutzte ich auch des Öfteren die Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen, aus deren Verlauf sich jedoch auch keine Erleuchtung ergab, da ich kein feststehendes Verständnis von rechts und links besaß und in meinem Weltbild beides anteilig Platz hatte. So hatte ich in allen Gesprächen mit Studenten, promovierten Labertaschen und selbst der Parteivorsitzenden immer das Gefühl, es fände gerade der Versuch einer Indoktrination statt. Fakten, die ich zum jeweiligen Thema nannte, ignorierend oder gar anzweifelnd, wurde mir unablässig in den Gehörgang geflötet, wie toll Diversität, ungehemmte Willkommenskultur, Aktionskunst und kultureller Marxismus seien. Auf diverse Dispute, die sich aus meinem relativ gefestigten Weltbild und dem wenig objektiven kollektiven Meinungsgefüge der empörten Junioren ergaben, erhielt ich statt Antworten oftmals ablehnende Worte. Ob es mein offener Umgang mit meiner konservativen Haltung zu Deutschland und Europa, die Argumentation zur angeblich außer Kontrolle geratenen rechten Gewalt mithilfe von Kriminalstatistiken, meine Bewunderung für Otto von Bismarck oder meine Meinung zur Flüchtlingskrise waren: Kritischen Einwänden folgte die Empfehlung, doch zur AfD zu gehen, gereicht mit der obligatorischen Nazikeule, die der Linke immer dann schwingt, wenn seine moralische Überlegenheit an ihre Grenzen stößt.

Der Prozess des Umdenkens war bei mir daher ein schleichender. Es gab nicht das eine, große, negative Schlüsselereignis, durch das ich an einem Tag geredpillt wurde. Ich begann, zu reflektieren, und es wurde mir immer peinlicher, mit anderen Linken zusammen in der Öffentlichkeit gesehen zu werden, die ja dank hipper Jutebeutel mit politischen Hashtags und Refugees welcome-Shirts als solche leicht zu erkennen waren. Ich wollte immer weniger zu denen gehören, denen Political Correctness wichtiger war als korrekte Politik, die die eigentlichen Bedürfnisse, Ängste und Nöte des Volkes mit politischen Binsenweisheiten überfuhren, die alles jenseits ihres überschaubaren Sichtfeldes in der rechtsextremen Szene verorteten.

Eine Partei, die den Willen des Proletariats zugunsten von Genderpolitik, Feminismusdebatten der dritten Welle und parteilichem Konsens überhörte und sich dem Einheitsbrei der restlichen politischen Riege anschloß, die keine Kontraste im Meinungsaustausch und der politischen Willensbildung billigte, konnte doch keine Partei für das Volk sein und keine soziale Gerechtigkeit wollen. Eine Partei, deren Anhänger und Wähler geschlossen zur Gewalt gegen Andersdenkende aufriefen und die wachsende Sorge der Bürger um Land und Leben angesichts sich häufender blutiger Ereignisse importierter Gewalt und kultureller Rückständigkeit unverfroren als Nationalsozialismus abtat, konnte nicht für den Frieden sein. Eine Partei, die sich so oft widersprach, nicht mehr zu den eigenen Prinzipien stand und die durch wenige Gegenthesen schachmatt gesetzt werden konnte, fand ich nicht mehr vertrebar.

Als schlussendliche Konsequenz blieb mir also nur der Ausstieg.

Ich sehe nach wie vor große Teile meiner Weltanschauung auf der linken Seite, erblicke aber die Linke nicht dort, wo sie laut ihres klingenden Namens sein sollte  auf der Seite des kleinen Mannes, des Erbringers der Volkswirtschaft, auf der Seite der Gerechtigkeit. Grundsätzlich sollte man diese Synonyme nicht länger mit dieser Partei in Verbindung bringen. Welchem politischen Lager ich mich nach dieser enttäuschenden, aber erkenntnisreichen Erfahrung zuwenden werde, und ob ich überhaupt länger eine klar definierte politische Anschauung vertrete, das weiß ich selbst noch nicht. Die Überzeugung der missverstandenen, im Stich gelassenen AfD-Protestwähler kann ich aber nun bestens nachvollziehen.

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Ein Kommentar

  1. Ich möchte kurz, meine Wahrnehmungen zum geschilderten Anliegen, den Gedanken und Gefühlen des Schreiber’s darlegen. Ich hatte eine ähnliche Biographie. Es ist allgemein bekannt, das die Befindlichkeiten von Beteiligten imm er unterschiedlich stark entwickelt sind und assdomit haben auch immer Konflikte eine Verhaltenssteuernde Wirkung. Wissenschaftlich betrachtet, unterscheidet man Wesen und Ersch Erscheinung. Also das Wesen erscheint und die Erscheinung ist wesentlich. Es gab und giebt auch schon immer unterschiedliche Srömungsrichtungen innerhalb von Parteien, Organisationen. Einige arbeiten daran bestimmte pol. Entwicklungen durch persönliches Angagement überwinden zu helfen
    Wieder andere beschäftigen sich damit bestimmte gesellschaftspol. Entwicklungen aufzuhalten indem sie, wieder besseren Wissens, diese Bemühungen aufzuhalten. Das wird ein Kampf gegen Windmühlen bleiben, denn es ist nicht’s aufzuhalten was Gesetzmäßigkeiten gesellschaftlicher Entwicklung entgegensteht. Die Weg-zielbestimmung kann sich dabei von aktuellen Geschehnissen nur verzögern lassen. Das Kapital hat es sich zur Aufgabe gemacht solche”Bedenken” durch den s.g. “Qualitätsjornalismus” in die Köpfe der Massen hinein zu pressen. Das findet auch seinen Ausdruck in der Unterwanderung bestimmter pol. Strömungen die für die derzeit Herrschenden als gefährlich ausgemacht wurden und die für den Bestand der eigenen Philosophie als Handlungsfeld auf die Agenda gesetzt werden.
    Gemeint ist hier der Einsatz bestimmter Mittel und Methoden ( angemessen oder nicht angemessen, zeitgemäss oder nicht zeitgemäss) mit denen es versucht, Srömungsrichtungen zu unterwandert und zu destabilisieren. Die Frage ist hier, wem nutzt diese Diskussion?

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